Erinnerungen formen unsere Identität – doch Gedächtnisinhalte sind manipulierbar und unverlässlich.

Bild Kelly Sikkema
Die Langzeiterinnerungen älterer Menschen konzentrieren sich auffällig häufig auf die Lebensphase zwischen Jugend und frühem Erwachsenenalter. Es sind dies besonders emotionale Jahre, in denen wir viele neue Herausforderungen erleben: Schulabschluss, Ablösung vom Elternhaus, erste grosse Liebe, erste Arbeitsstelle, Hochzeit und viele weitere unvergessliche Momente folgen einander quasi Schlag auf Schlag.
Emotionale Erlebnisse verankern sich besonders stark im Langzeitgedächtnis. Je mehr Routine später in unser Leben einkehrt, desto weniger neue, emotional aufgeladene Ereignisse entstehen – und desto seltener werden neue Erinnerungen dauerhaft abgespeichert.
Warum fehlen Erinnerungen an die frühe Kindheit?
Überraschend ist, dass sich kaum jemand bewusst an die ersten Lebensjahre erinnern kann, obschon wir als Kleinkinder pausenlos Neues und Emotionales erleben. Das Phänomen wird als kindliche Amnesie bezeichnet.
Ein entscheidender Grund dafür liegt im Hippocampus – einer Hirnstruktur, die für die Speicherung von Erinnerungen eine zentrale Rolle spielt, jedoch erst etwa ab dem siebten Lebensjahr vollständig ausgereift und vernetzt ist.
Der Hippocampus ist Teil des limbischen Systems. Das ist ein komplexes Netzwerk zwischen Hirnstamm und Grosshirn, das unsere Emotionen verarbeitet. Besonders wichtig ist dabei die Amygdala. Sie bewertet emotionale Reize und beeinflusst, welche Informationen als bedeutsam eingestuft werden.
Die Amygdala sendet aufgrund ihrer Wertung dem Hippocampus den Auftrag, ein Erlebnis zu speichern. Je emotionaler dieses Erleben ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es ins Langzeitgedächtnis vordringt. Emotionale Erinnerungen verankern sich tief im neuronalen Netzwerk.
Emotionale Erinnerungen und ihr Einfluss auf unseren Alltag
Mit jeder gespeicherten Erinnerung formen und stabilisieren wir unser Selbstbild. Wir greifen – bewusst oder unbewusst – ständig auf diesen inneren Erfahrungsschatz zurück, um Entscheidungen zu treffen und Situationen einzuordnen.
Manchmal genügt ein Geruch, ein Musikstück oder eine bestimmte Stimmung, um eine komplexe Erinnerung wachzurufen. Dieses automatische Aktivieren kann positiv sein – etwa wenn Kindheitserinnerungen Geborgenheit vermitteln.
Es kann aber auch belastend wirken: Bei traumatisierten Menschen mögen beispielsweise laute Geräusche wie Feuerwerk oder Böllerknallen intensive Kriegserinnerungen reaktivieren.
Umgang mit belastenden und traumatischen Erinnerungen
In der Psychotherapie geht es häufig darum, verdrängte oder schmerzhafte Erlebnisse bewusst zu machen und neu einzuordnen. Ziel ist dabei nicht das Löschen von Erinnerungen – das ist nach heutigem Stand der Wissenschaft kaum möglich –, sondern ihre Neubewertung.
Eine hilfreiche Strategie besteht darin, belastende Ereignisse um bislang nicht beachtete Perspektiven zu erweitern:
- Was habe ich trotz allem gelernt?
- Welche Stärke habe ich entwickelt?
- Welche neuen Aspekte kann ich entdecken?
- Was hat sich langfristig positiv verändert?
Diese Neubewertung kann traumatische Erinnerungen in einen neuen Sinnzusammenhang stellen. Sie verschwinden nicht, verlieren aber oft an Intensität.
Wie zuverlässig sind unsere Erinnerungen wirklich?
So überzeugend sich manche Erinnerung anfühlt – sie muss nicht der Realität entsprechen. Wer Kindheitserlebnisse mit Geschwistern oder Eltern vergleicht, kennt die widersprüchlichen Versionen ein und desselben Ereignisses.
Die Relativität der Erinnerungen ist besonders in der Kriminalistik problematisch. Die US-amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus konnte in zahlreichen Studien zeigen, wie leicht sich Erinnerungen durch Suggestion beeinflussen lassen.
In einem ihrer bekanntesten Experimente suggerierte sie Versuchspersonen, sie seien als Kind in einem Einkaufszentrum verloren gegangen. Ein Teil der Probanden entwickelte daraufhin detaillierte Erinnerungen an dieses frei erfundene Ereignis.
Durch Suggestionen können also Erinnerungen an Ereignisse kreiert werden, die nie stattgefunden haben. Bei der Befragung von Zeugen ist dieser Umstand besonders heikel und eine neutrale Wortwahl bei der Befragung wichtig. So zeigte sich, dass Zeugen die Geschwindigkeit höher einschätzten, wenn sie gefragt wurden, wie schnell zwei Fahrzeuge zusammenstiessen, als wenn die Formulierung «wie schnell» in der Frage ausgelassen wurde.
Studien belegen zudem, dass selbst neutrale Augenzeugenberichte eine Fehlerquote zwischen 30 und 80 Prozent aufweisen können. Unser Gedächtnis ist kein Videorekorder – es ist rekonstruierend und formbar.
Warum Vergessen wichtig und sogar gesund ist
Auch wenn unser Langzeitgedächtnis enorme Informationsmengen speichert, können wir nicht alles jederzeit abrufen. Viele Forschende gehen davon aus, dass Erinnerungen nicht vollständig gelöscht, sondern lediglich schwerer zugänglich werden. Dass Informationen ad acta gelegt werden, ergibt durchaus Sinn, denn dadurch entsteht wiederum Raum für neue Informationen. Problematisch wird es, wenn wir uns nicht erinnern, an was wir uns erinnern sollten oder wollten.
Generell nimmt mit zunehmendem Alter die Gedächtnisleistung ab – selbst ohne Erkrankungen wie Demenz. Der Hauptgrund ist jedoch weniger das biologische Alter als die Tatsache, dass viele Menschen im Laufe der Jahre kaum mehr Neues lernen und erleben.
Gedächtnisleistung im Alter: Abbau oder Trainingssache?
Die aktuelle Forschung zeigt: Das Erinnerungsvermögen bleibt trainierbar – bis ins hohe Alter. Wer sein Gedächtnis stärken möchte, sollte:
- regelmässig Neues lernen
- geistige Herausforderungen suchen
- soziale Kontakte pflegen
- Bewegung in den Alltag integrieren
- bewusst emotionale, bereichernde Erlebnisse schaffen
Denn emotionale Bedeutsamkeit bleibt ein Schlüssel zur dauerhaften Speicherung.
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