
Bild Claudia Schneider
Beide Phänomene liegen auf einem Spektrum von Wahrnehmungsphänomenen. Sie teilen neurologische Mechanismen, sind aber nicht identisch.
Der Unterschied zwischen einer 👉ausserkörperlichen Erfahrung und einer klassischen Halluzination ist ein spannendes Feld an der Schnittstelle von Neurowissenschaft und Psychologie.
Beide Phänomene werden als ‚echtes‘ Erleben wahrgenommen, unterscheiden sich jedoch in mehreren Punkten. Hier eine, wie ich finde, adäquate Differenzierung von Gemini:
| Merkmal | Ausserkörperliche Erfahrung | Halluzination |
| Perspektive | Man sieht die Welt (und oft den eigenen Körper) von einem Punkt ausserhalb des physischen Körpers. | Man nimmt Dinge wahr, die nicht da sind, bleibt aber meist in seinem Körper. |
| Klarheit | Oft extrem klar, hyperreal und logisch strukturiert. | Kann verwirrend, traumartig, bruchstückhaft oder beängstigend sein. |
| Selbstbild | Das Ich ist vom Körper getrennt, bleibt aber als Beobachter intakt. | Das Ich kann verzerrt sein; die Grenze zwischen Selbst und Aussenwelt verschwimmt oft. |
Wie eine Halluzination erlebt wird, ist wie jeder andere veränderte Bewusstseinszustand abhängig von der physischen und psychischen Verfassung. In Kliniken sind Patienten und Ärzte vorwiegend mit Halluzinationen konfrontiert, die als störend empfunden werden. Festgestellt wird eine sehr breite Palette an möglichen Auslösern – von physischen und psychischen Erkrankungen über Stress oder Drogenkonsum bis zu Einsamkeit.
Die Betroffenen erleben die Sinnestäuschungen als real und wahrhaftig, nicht selten sogar als intensiver als die Realität. In der Konsequenz verändert sich oft ihr Weltbild und dadurch auch ihr Verhalten und Fühlen.
Halluzinationen können auch positiv wirken
In den letzten Jahren hat sich jedoch die Einsicht durchgesetzt, dass Halluzinationen auch inspirierend und kreativ wirken können und nicht Ausdruck einer psychischen Erkrankung sein müssen. Unter guten Voraussetzungen werden Halluzinationen als erfreuliche, bereichernde und erhellende Erfahrung verstanden.
»Das Verrückte ist, Psychotiker leiden unter ihren Halluzinationen und schlucken teure Medikamente, um sie loszuwerden, andere geben Geld für Drogen aus, um welche zu bekommen«, sagt der deutsche Neuropsychologe 👉 Erich Kasten.
Manchen reichen auch Entspannung und Kreativität aus, um Vorstufen der Halluzination, etwa mittels gelenkter Fantasiereisen zu schaffen. Sie achten im Wachbewusstsein auf innere Bilder oder kreieren diese willentlich, was letztlich überwältigend real erscheinen mag. Manche Künstler sehen oder hören gar ihr Werk in einer Form von Halluzination, bevor es umgesetzt ist.
Hildegard von Bingen, Jeanne d’Arc, Franz von Assisi, Gotthold Ephraim Lessing und Rainer Maria Rilke sollen mit Halluzinationen gelebt und gearbeitet haben, teils gibt es schriftliche Berichte dazu.
Der britische Neurologe und Autor 👉 Oliver Sacks (1933–2015) warf in seinem Buch »Drachen, Doppelgänger und Dämonen: Über Menschen mit Halluzinationen« die Frage auf, ob Halluzinationen womöglich den Ursprung unserer Kunst, Folklore und Religion bildeten.
Wenn Stimmen aus dem Off reden
Als beängstigend, störend, bedrohlich werden Halluzinationen insbesondere dann empfunden, wenn sie unerwartet auftreten oder unter Umständen, die ohnehin schon als schwierig empfunden werden.
Häufig werden akustische Halluzinationen im Zusammenhang mit einer Erkrankung diagnostiziert. Sie werden dann meist als dominant, autoritär, angsteinflössend empfunden werden. Sie stören die eigenen Gedanken, indem sie reinreden, Befehle oder Wertungen von sich geben.
Aber auch hier gilt: Manche empfinden die gehörten Stimmen als charmant, witzig, unterhaltsam oder lehrreich. Es gibt gar Vereine, in denen sich Menschen treffen, die Stimmen hören und ansonsten ein normales Leben führen.
Die Quelle der Stimmen kann ganz unterschiedlich sein, sie können aus Wänden oder Wolken, aus dem eigenen Blut oder einem anderen Körperteilen heraussprudeln.
Halluzinationen können gefährlich sein
Im Extremfall können sich Halluzinationen lebensgefährlich auswirken: Etwa, wenn sich jemand im Einfluss von Drogen als Vogel wahrnimmt und glaubt, vom Balkon fliegen zu können, oder meint, ein Fisch zu sein, und unter Wasser atmet.
Sinnestäuschungen können im Rahmen von psychischen Erkrankungen zudem mit Wahnhaftigkeit, einer Fehlbeurteilung der Wirklichkeit, einhergehen. Zum Beispiel kann sich jemand im Alltag verfolgt und bedroht fühlen, obwohl es objektiv betrachtet nicht den geringsten Anlass dazu gibt.
Erlebt werden Halluzinationen kaum je als Dauerzustand, sie kommen und gehen und können sich auf natürliche Weise auch für immer verabschieden. Durch gezielte Therapien, vorwiegend mit Neuroleptika, können unerwünschte Halluzinationen meist vollständig verschwinden.
Ursache bleibt ungeklärt
Als Ursache für Halluzinationen wird eine Übererregung von Teilen des Gehirns vermutet, beispielsweise infolge von Drogenkonsum oder hirnorganisch bedingten Veränderungen im Hirnstamm. Aber auch eine ‚Unterbeschäftigung‘ des Gehirns, etwa ausgelöst durch Isolation, kann dazu führen, dass die Hirnmechanismen gestört sind und die Gedächtnisareale ihre Inhalte unkontrolliert ins Bewusstsein leiten.
Interessant ist, dass bei Patienten mit Hirnschäden das Auftauchen von Halluzinationen als ein Hinweis dafür gewertet wird, dass sich geschädigte Hirnbereiche erholen und neu verknüpfen.
👉Weitere Informationen im Buch Was wir über Bewusstsein wissen sollten
👉Link zum Beitrag über OBE
