
Bild Markus Laanisto
Ausserkörperliche Erfahrungen sind nicht alltäglich – und gerade deshalb seit jeher Gegenstand von Faszination, Spekulation und Forschung.
Im Englischen als Out-of-Body-Experiences (OBE) bezeichnet, beschreiben ausserkörperliche Erfahrungen einen Zustand, in dem Menschen den Eindruck haben, ihren Körper zu verlassen und die Welt aus einer Perspektive ausserhalb ihrer physischen Hülle wahrzunehmen. Meist treten solche Erlebnisse spontan auf, im Traum, in Notsituationen, aber auch ohne erkennbaren Auslöser.
Das Phänomen ist keineswegs neu. Berichte über ausserkörperliche Erfahrungen finden sich in nahezu allen Kulturen und Epochen – von Darstellungen im alten Ägypten über philosophische Texte der Antike bis hin zu religiösen Schriften. Im 18. und 19. Jahrhundert erlangte das Thema verstärkte Aufmerksamkeit, nicht zuletzt durch Persönlichkeiten wie Emanuel Swedenborg, Allan Kardec oder Padre Pio, die diese aussergewöhnliche Bewusstseinserfahrungen beschrieben und deuteten.
Stand der Forschung
Mittlerweile liegen wissenschaftlich geprüfte Berichte vor, die aufzeigen, dass beispielsweise während Vollnarkose korrekte Wahrnehmungen einer Operation möglich sind. In diesen Fällen konnten die Betroffenen präzise Angaben über das Setting, die Akteure und das Geschehen machen, obschon sie nicht bei Bewusstsein waren. Wissenschaftlich zur Kenntnis genommen werden OBEs ausserdem im Zusammenhang mit Nahtoderfahrungen.
Einer, der jahrzehntelang Forschung vor allem im Zusammenhang mit Ausserkörperlichkeit betrieb, war Waldo Vieira (1932–2015). Sein Forschungsansatz hat zur Gründung der International Academy of Consciousness mit Forschungscampus in Portugal und Ablegern in mehreren Ländern geführt.
Intensiv mit der Thematik befasste sich auch der Robert Allen Monroe (1915–1995). Der Ingenieur sagte von sich, er habe spontan und unbeabsichtigt in einer Nacht im Jahr 1958 erstmals seinen Körper verlassen. Das Erlebnis beunruhigte ihn, weshalb er den Entschluss fasste, dem Phänomen nachzugehen. Er gründete in Virginia (USA) das Monroe-Institut, wo Tausende Einzeltests mit Freiwilligen durchgeführt wurden. Sie berichteten über das Gefühl, sich frei im Raum zu bewegen, Materie jeglicher Art mühelos zu durchdringen und bewusst Entscheidungen treffen zu können.
Monroe erhielt auf seine Bücher unzählige Briefe aus aller Welt, in denen sich die Schreibenden dafür bedankten, nun die Gewissheit zu haben, nicht allein mit ihren Erlebnissen und deswegen auch keine Kandidaten für die Psychiatrie zu sein. Die Weltgesundheitsorganisation bestätigt: Ausserkörperliche Erfahrungen sind kein Hinweis auf eine psychische Störung.
In diesem Jahrhundert gibt es mögliche neurologische Erklärungsansätze. Die Hirnforschung geht mehrheitlich davon aus, dass ausserkörperliche Erfahrungen mit spezifischen Prozessen im Gehirn zusammenhängen – insbesondere in jenen Regionen, die für die Verarbeitung von Körperwahrnehmung und räumlicher Orientierung zuständig sind. Auffällige Aktivitätsmuster oder veränderte neuronale Signale könnten dazu führen, dass sich das Ich-Erleben vorübergehend vom physischen Körper entkoppelt.
Individuelles Erleben
Die Bewusstseinswissenschaft konzentriert sich auf die Fähigkeit, das ausserkörperliches Erleben zurück im Wachzustand ausführlich zu schildern. Es wird vorwiegend mit allen Sinnen und bei vollem Bewusstsein wahrgenommen. Das Erleben kann im Rahmen der irdischen Dualität wie auch ausserhalb, im fernen Kosmos stattfinden. Die tatsächliche Dauer entspricht kaum je dem Zeitempfinden während des Erlebens. Wird eine ausserkörperliche Erfahrung mit Absicht angestrebt, muss sich der physische Körper in einem sehr entspannten Zustand befinden, da er der Person während der OBE präsent bleibt. Äussere Reize – ein Geräusch, eine Bewegung oder ein körperliches Bedürfnis – können das Erlebnis abrupt beenden und zur Rückkehr in den Körper führen.
Der deutsche Philosoph Thomas Metzinger umschreibt eine eigene Erfahrung mit Ausserkörperlichkeit wie folgt: «Das war Anfang der 80er-Jahre. Ich lebte damals in einer einsamen Mühle bei Limburg und schrieb an meiner Doktorarbeit. Eines Nachts, als ich im Bett lag, meinte ich aus meinem Körper herauszuschweben. Ich begann sofort mit diesem Zustand zu experimentieren. Ich wanderte ein wenig im Zimmer herum, ging zum offenen Fenster und liess meine Hände über den Fensterrahmen gleiten. Dann sprang ich durch das Fenster, fiel aber nicht hinunter, sondern begann aufwärts zu schweben.
Etwas später, zurück im Schlafzimmer, beschloss ich, zum Haus eines Freundes im 85 Kilometer entfernten Frankfurt zu fliegen und mich dort ein wenig umzusehen. Sofort wurde ich mit grosser Geschwindigkeit vorwärts gerissen, durch die Schlafzimmerwand hindurch, und verlor das Bewusstsein. Als ich zu mir kam, hatte ich mich schon wieder in den physischen Körper eingeklinkt.
Ich hatte solche Erlebnisse vielleicht sechs oder sieben Mal. Leider sind mir seit vielen Jahren keine ausserkörperlichen Erfahrungen mehr gelungen. Ich würde sehr viel dafür bezahlen, wieder welche zu haben.»
Mehr zum Thema im Buch Was wir über Bewusstsein wissen sollten
Persönliches Erleben – Tanz im kristallinen Universum
