
Wasserklangbild von Alexander Lauterwasser
Weltweit in vielen Mythen gilt Klang als der Ursprung des Seins. Doch was zeichnet Klang eigentlich aus und wie beeinflusst er unser Bewusstsein?
Die Silbe Om ist für Hindus und Buddhisten ein heiliger Laut. Er steht für den transzendenten Urklang und die Gegenwart des Absoluten, aus dessen Vibration sich das Universum formte. Auch in der Mythologie der Ureinwohner Australiens, Ägyptens, Amerikas und Europas wirkt der Klang als kreatives Gestaltungspotenzial. Nicht zuletzt findet diese Überzeugung in der modernen Theorie des Urknalls ihren Ausdruck.
Was ist Klang? Die physikalische Definition
Physikalisch betrachtet ist Klang eine mechanische Schallwelle beziehungsweise eine elastische Druckwelle, die sich dreidimensional in alle Richtungen ausbreitet. Dazu benötigt Klang ein Medium – Luft, Wasser oder einen festen Körper. Diese Abhängigkeit von einem Träger unterscheidet Klang klar von Licht, das sich ohne Medium und mit stets gleicher Geschwindigkeit im Vakuum bewegt.
Die Geschwindigkeit, mit der sich Klang fortbewegt, ist von der Beschaffenheit des jeweiligen Mediums abhängig:
- In der Luft bewegt sich Schall mit rund 340 Metern pro Sekunde.
- Im Wasser wandert die Schallwelle besonders schnell – mit etwa 1500 Metern pro Sekunde.
Deshalb ist die sogenannte Hydroakustik seit Beginn des 20. Jahrhunderts von grosser Bedeutung für die Kommunikation, Navigation und Ortung im Meer. Diese technischen Schallwellen verursachen allerdings Probleme für viele Meeresbewohner, weil auch sie zur Orientierung, Nahrungssuche und Kommunikation zwingend auf natürlichen Schall angewiesen sind.
Klangtherapie: Die heilende Wirkung
Schall löst auf seinem Weg stets Druck aus. Erfahren lässt sich dies beispielsweise an einem Live-Konzert, wenn man nahe bei einem Lautsprecher steht und der ganze Körper mit den Druckwellen resoniert. Die dominant schwingenden Klänge lösen dabei eine Veränderung unserer Eigenschwingung aus. Das kann – je nach Situation und Frequenz – als angenehm oder unangenehm empfunden werden.
Gut wirkt die Resonanz im Allgemeinen, wenn die Schwingungen wie Zahnräder ineinandergreifen und sich harmonisch einpendeln. Deshalb werden im klassischen wie auch im alternativen medizinischen Bereich akustische Schwingungen gezielt als Klangtherapie eingesetzt, um die Heilung zu fördern und das Wohlbefinden zu steigern.
Warum Lärm Stress im Körper auslöst
Klang setzt sich natürlicherweise stets aus mehreren Tönen zusammen, die durch wiederkehrende, gleichförmige Luftbewegungen ausgelöst werden. Mit der Grundschwingung vergesellschaften sich Obertöne, die als ganzzahliges Vielfaches innerhalb eines Grundmusters schwingen. Diese regelmässige Struktur unterscheidet den harmonischen Klang vom Geräusch und vom Lärm, dessen Schwingungen ungleichmässig kakofonisch auftreten.
Lärm aktiviert die Ausschüttung von Stresshormonen – nicht nur bei Menschen. Auch Pflanzen und Tiere reagieren sensibel: Sie blühen bei harmonischen Klängen auf und zeigen negative Reaktionen bei anhaltendem Lärm.
Kymatik: Gestalterisches Potenzial von Klang
Während Lärm vorwiegend destruktiv wirkt, verfügt der durch Klang entstehende Luftdruck über ein enormes gestalterisches Potenzial. Anschaulich bringt dies der Forscher Alexander Lauterwasser anhand sogenannter Wasserklangbilder zum Ausdruck.
Sie entstehen, indem Musik über ein Mikrofon auf eine bewegliche Platte übertragen wird. Auf der Platte steht eine mit Wasser gefüllte Schale, die durch die Resonanz in Schwingung versetzt wird. Auf der Wasseroberfläche bilden sich dadurch komplexe Wellenmuster, die Lauterwasser belichtet und mit der Kamera festhält. Ein sichtbarer Beweis dafür, wie Klang Materie strukturiert.
Kosmische Harmonie: Die Sphärenmusik
Das Prinzip der Schwingung ist auch im Kosmos wirksam. Glühende Gase, die seit dem Urknall nachhallen, erzeugen ein tiefes Dröhnen. Himmelskörper zischen, ticken, summen und knattern. Aus diesen Tönen erlangen Astronomen detaillierte Kenntnisse über die inneren Strukturen der Himmelskörper.
Den grössten Klangteppich in unserem Sonnensystem erzeugt die Sonne selbst. Aber auch das surreale Säuseln von Saturn oder das wuchtige Grollen von Jupiter können heute hörbar gemacht werden. Wie sich das anhört?
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Von Pythagoras zu den Planetentönen
Schon in der griechischen Antike ging Pythagoras (570–510 v. Chr.) davon aus, dass Himmelskörper Klänge erzeugen. Er glaubte, dass die Gesetzmässigkeiten der Musik auf die Ordnung des Kosmos übertragbar seien, und sprach von der sogenannten Sphärenharmonie: «Der ganze Himmel ist Harmonie und Zahl.»
Die Lehre des griechischen Philosophen blieb im Laufe der Zeit mal mehr, mal weniger präsent. Intensiv befasste sich der deutsche Universalgelehrte Johannes Kepler (1571–1630) damit. Auch der Musiktheoretiker Hans Kayser (1891–1964) widmete seine Forschung zeitlebens der Harmonik – nicht nur in der Musik, sondern auch in der Chemie, der Astronomie, der Architektur sowie in Licht, Farbe und Kristallen.
Der Schweizer Mathematiker und Musikforscher Hans Cousto berechnete 1978 die Planetentöne auf der Basis von tatsächlich vorhandenen Frequenzen wie Umlaufzeiten und anderen astronomischen Rhythmen neu. Wie es dazu kam, schildert er wie folgt: «Es ist Neumond, 2. Oktober 1978. Ich spaziere durch den Englischen Garten in München […]. Etwas abseits der breiten Spazierwege pflücke ich ein paar kleine, spitzkegelige Pilze und verzehre sie gleich […]. Ich bin ganz weit weg und sehe die Sonne und alle Planeten, klar und deutlich, ja ich höre sie, jeden einzelnen für sich und alle zusammen – und auf einmal erkenne ich die Gesetzmässigkeit, die den Tönen zugrunde liegt.»
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